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Das Sine-Saloum Delta leben: Rhythmus und Praxis zwischen Nass und Trocken

Dieses Dissertationsprojekt erforscht die verkörperten und verörtlichten Praktiken von Delta-Bewohnern im Kontext von unsteter Ökologie und Sozialität, die nach Flexibilität, Improvisation und Kreativität verlangen und unsere Konzepte von Resilienz und Anpassung auf den Prüfstand stellen.

 

Das Sine-Saloum-Delta ist eine sogenannte hypersaline inverse Flussmündung, in der Salzwasser weit und aufgrund der Abholzung von Mangrovenwäldern, des Meeresspiegelanstiegs oder der sich ändernden Niederschlagsmuster, zunehmend landeinwärts fließt. Dies führt wiederum zu Versalzung, Verschlammung, Bodensenkungen, Erosion sowie zu Süßwassermangel und stellt die Bewohner (vor allem Serer Niominka im Norden und Soce Mandinka im Süden), die seit Jahrhunderten mit und zwischen Wasser und Land leben, vor bekannte sowie neue Herausforderungen.

 

Das Sine-Saloum-Delta, verstanden als ein Netzwerk hydrosozialer Beziehungen, unterliegt einer ständigen Neukonfiguration entlang der Reibungen und Resonanzen von sozialen Praktiken und Diskursen, Umweltprozessen sowie technologischen und politisch-ökonomischen Kräften - etwa Salzwasserintrusion, der entsprechenden Eindämmungs-Infrastrukturierung, (Selbst-) Regulierung von Extraktion und Handel, Narrative rund um Autochthonie und Zugehörigkeit, oder Arbeit und Mobilität die durch Gezeiten und Saisonalität mitbedingt werden. 

Meine Studie zielt darauf ab, dieses Netzwerk mit dem Fokus auf Arbeitspraktiken und durch die analytische Linse des Rhythmus' zu untersuchen und anthropologisches Denken über Arbeit mit dem Denken über Mensch-Umweltbeziehungen/nicht-menschliche Tiere zusammenzubringen.

 

Um zu untersuchen, wie die Delta-Bewohner mit den verschiedenen Rhythmen des Deltas umgehen und diese mitgestalten und wie sie die Volatilität sowohl in der zeitlichen als auch in der räumlichen Dimension verhandeln, werde ich einem Objekt das gleichzeitig Lebewesen ist folgen - die allgegenwärtige Molluske, bestehend aus Muschel und Tier. Mollusken (vor allem Herzmuscheln, Austern und verschiedene Schnecken) wurden von den Delta-Bewohner seit Jahrtausenden genutzt und haben deren Leben sowie das bio-physische set-up des Deltas mitgeprägt, zum Beispiel in Form von Muschelhaufen. Heutzutage sind die die Menschen über das Sammeln, Verarbeiten, Konsumieren, Handeln und Verwalten mit den Muscheln im Kontakt. Außerdem wird die Muschel für Straßen, Dämme, Häuser, Schmuck, Amulette und bis vor kurzem Töpferei verwendet, wirkt also auch in alltäglichen Praktiken und Grundbedürfnissen.

 

In meinem Projekt werde ich die Mensch-Mollusken-Umwelt-Interaktionen verfolgen und begleiten und ihre materielle, ökonomische und politische sowie ihre erfahrungsbezogene, symbolisch-semiotische und sozial-ökologische Dimension analysieren. Ich werde dies durch einen ethnografischen Ansatz tun, der auf einer dichten Teilnahme basiert, dh Lehre und Praxis, Beobachtung und Gespräch, Erleben und Gebrauch der Sinne (Spittler 2001), inklusive go-along (Kusenbach 2003) und begleitet von semi-strukturierten Interviews und Sekundärdaten.

 

 

Dieses Teilprojekt wird von Sandro Simon geleitet. Er arbeitete zuvor im Tana Delta (Kenia), musste seine Forschung dort aber aus Sicherheitsgründen abbrechen.