zum Inhalt springen

Rhythmus und Beziehung an Wasserorten: eine Ethnographie des Parnaíba Deltas, Brasilien

In einem Deltagebiet sind Dynamiken des Wassers – Gezeiten und Niederschlagswasser, die überfluten, trockenlegen und Salz- sowie Süßwasser bringen – höchst präsent und formen dessen Landschaftsbild. Diese Dynamiken sind häufig durch hohe Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit geprägt. Wie auch Lagunen, Seen und Sanddünen an einer Stelle erscheinen und an der nächsten schon wieder verschwinden können, so ändert sich auch der Flusslauf oder fällt und sinkt der Wasserpegel von Flüssen. Bewegung und Unbestimmtheit – sich bewegende Sanddünen, Flussläufe, Auf- und Abbewegung des Wasserpegels – sind zentrale Aspekte eines Lebens im Delta und es kann daher als eine rhythmische Landschaft mit höchster Volatilität bezeichnet werden.

Deltas sind sowohl für ihre hohe Fruchtbarkeit und natürlichen Charakteristika bekannt als auch für ihre Instabilität und hohe Vulnerabilität. Auch im Parnaíba Delta, welches sich nordöstlich von Brasilien befindet, werden immer mehr Akteure mit unterschiedlichsten Interessen von diesen natürlichen Eigenschaften des Deltas angezogen. Umweltschützer sorgen sich um den Naturschutz, NGOs sorgen sich um die Verknüpfung nachhaltiger Ressourcennutzung und Enwicklung, Tourismusunternehmen suchen Marktchancen in der natürlichen Schönheit dieser Gegend. Durch die Förderung der ‚Natürlichkeit‘ werden die sozialen Dimensionen des Deltas häufig vernachlässigt.

Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, einen näheren Blick auf die Art und Weise zu werfen, wie Menschen in einem Delta leben und verweilen. Aus einer anthropologischen Perspektive behandelt das Projekt die Frage von der Beziehung zu Wasser, indem Wasser als ein Wirkstoff aufgefasst wird, der in einer dialektischen Art und Weise die Gesellschaft formt und von ihr geformt wird. Dadurch unterscheidet sich die Perspektive des Projekts von der weit verbreiteten Idee, Wasser als Ressource zu sehen, die auf ein abstraktes, materielles Gebilde reduziert wird, das Menschen kontrollieren und lernen müssen zu handhaben, um ihr Leben sicherzustellen. Stattdessen betont der Ansatz des Projekts die Pluralität von Wasser, dessen Dynamiken und seine vielfältigen Eigenschaften.

In diesem Kontext wird der Schwerpunkt der Forschung zum Einen auf den Volatilitäten und hydrosozialen Beziehungen liegen: Wie befassen sich die Menschen mit Wasser und dem fließenden Umfeld? Wie formt dieser Kontakt die Lebensgeschichte, die persönlichen Laufbahnen und Identitäten? Wie gehen die Menschen mit fortwährenden Schwankungen um? Mit besonderem Interesse für Rhythmen und die Zeitlichkeit des Deltas, wird das Projekt erforschen, wie schwankende Dynamiken in das alltägliche Leben der Delta-Bewohner eingreifen bzw. sich auf dieses beziehen und wie sich verschiedene Rhythmen mit dem sozialen Leben verflechten und in diesem sichtbar werden. Insofern bezieht sich ein Kernaspekt der Forschung auf die Art und Weise, wie soziale Erinnerungen mit ‚fließenden und wässrigen Landschaften‘ mit hoher Volatilität zusammenhängen. Zum Anderen gilt der Frage nach neuesten Transformationen in Beziehung zum Wasser besonderes Interesse. Wie greifen verschiedene Elemente, wie Maßnahmen (Umweltschutzgebiete), politische Interessen (z.B. Entwicklung, Tourismus), Wirtschaften (z.B. Krabbenmarkt, Tourismus) und globaler Wandel (z.B. Hochwassergefahr, Austrocknung des Flusses), unter Berücksichtigung des wachsenden Interesses für diese Region, in den Lebensalltag im Delta ein, wie vernetzen und transformieren sie diesen und die Beziehung zum Wasser? Welche Intentionen und Konflikte entwickeln sich und wie gehen die Menschen damit um?

Dieses Teilprojekt wird von Nora Horisberger geleitet.